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Tips Für Effektives Üben

Tips für effektives Üben

 

 

Goldene Regel: Langsam üben…

Jeder Gitarrenlehrer hat diesen Satz hunderte Male gesagt. Mindestens. Und fast genau so oft hat er sich gefragt, ob seine Worte auch wirklich zum Schüler durchgedrungen sind. Oftmals ist dies jedoch nicht der Fall, wie mir 30 Jahre Unterrichtserfahrung deutlich gezeigt haben. Vielleicht denken (vor allem) die Kids einfach auch: „Jaja, quatsch Du mal, ich weiss schon selber was gut für mich ist“
Natürlich will man das neue Solo von seinem Lieblings-Künstler möglichst bald im Originaltempo spielen können und versucht scheinbar folgerichtig das Tempo möglichst hoch zu halten, schliesslich ist das Originaltempo noch höher. Nur ist leider das völlige Gegenteil der richtige Weg: Je langsamer man übt, desto schneller kann man das Ganze spielen, und zwar im doppelten Sinn.

Stellt sich die Frage: „Warum ist das so?“

Nun, eigentlich ganz einfach: Je langsamer man übt, desto mehr kann man auf das achten „Was“ man gerade übt. Klingt erstmal etwas seltsam, ist aber eigentlich ganz logisch.
Viele machen den Fehler beim Üben nicht richtig bei der Sache zu sein. Man will möglichst bald fertig werden, langsam macht das nicht so viel Spass oder man hat noch 25 andere Songs die man lernen will, am besten heute noch. Das führt zu schlampiger Spielweise, was wiederum dazu führt, dass man das Stück zwar irgendwie hinbekommt, es aber einfach irgendwie nicht richtig „tut“. Und jeder denkt gerade an ein ganz bestimmtes Stück 🙂

Übt man hingegen langsam und kontrolliert, dann kann man auf jeden einzelnen Finger achten, auf die Stellung des Handgelenkes, auf die Haltung des Plektrums usw.
Hier eine kleine Checkliste:

  1. Wie weit sind meine Finger von den Saiten weg?
  2. Stimmt die Anschlagsrichtung?
  3. Wie ist der Winkel von meinem Pick zur Saite?
  4. Sind die Saiten richtig abgedämpft? (Zumindest diejenigen, die nicht klingen sollen)
  5. Greife ich mit dem richtigen Finger?
  6. Ist meine Phrasierung richtig? (Vibrato, Hammerings, Slides usw.)
  7. Bin ich mit dem Finger nahe genug am Bundstäbchen? usw.

Dies alles sind Dinge, auf die man nicht achten kann, wenn das Tempo beim Üben zu hoch ist. Übt man jedoch grundsätzlich bei einem langsamen Tempo und steigert dies ebenso Langsam, so kann man auf all diese Dinge achten bis man alles perfekt beherrscht und nimmt dann diese akkurate Spielweise in das höhere Tempo mit, soll heissen, dass beim schnellen Gitarrenspiel die Finger genauso funktionieren wie zuvor beim langsamen Üben.

Eigentlich ganz logisch…

 

Medizinisch gesprochen…

…heisst das Stichwort „Neuroplastizität„.

Da wäre zum einen das implizite Wissen.

Einfach und total laienhaft ausgedrückt bedeutet es, dass das Gehirn zum Erlernen von mehr oder weniger komplizierten Bewegungsabläufen ständig Wiederholungen braucht bis man diese so weit beherrscht, dass man nicht mehr darüber nachdenken muss: man kann es dann einfach. Dafür braucht das Gehirn dann aber auch was zu tun.

Dann wäre da noch das explizite Wissen:
Es wird auch als dokumentiertes Wissen bezeichnet und lässt sich am besten veranschaulichen wenn man sich vorstellt, wie man vor den Noten zu einem neuen Stück sitzt: Man versucht erstmal die Melodie zu erfassen oder das Stück überhaupt zu erkennen (das klingt ja gar nicht wie Metallica… :-). Wenn man das jetzt ein paar mal übt geht das schon ganz passabel. Am nächsten Tag setzt man sich wieder dran, hat alles vergessen, holt die Noten raus, spielt es ein paar mal und schon ist es wieder da. Dann kommt der Gedanke:“Toll, läuft ja, dann kann ich ja jetzt was anderes machen.“ In der nächsten Unterrichtsstunde legt man die Noten auf’s Pult, fängt an, man quält sich mehr oder weniger durch, dann nimmt der Lehrer währenddessen auch noch die Noten weg (Lehrer sind fies) und das war’s dann…
Heisst also, das Stück war nie richtig im Kopf bzw. in den Fingern.

Auf das Instrumentalspiel bezogen bedeutet das Ganze somit, daß das explizite Wissen (z.B. was in den Noten steht) durch ständiges Wiederholen in langsam in implizites Wissen umgewandelt wird.

Ein schöner Nebeneffekt davon ist, dass man eigentlich alles auswendig spielen kann oder zumindest können sollte. Ansonsten hat man es nicht richtig geübt.

Es geht eben nur durch ständiges Wiederholen (ist ein anderes Wort für Üben), aber was man mal richtig perfekt gelernt hat, das vergisst man auch so gut wie nie wieder.
Ein kleines Beispiel hierfür: Bittet mal einen Erwachsenen darum sich die Schuhe zu schnüren, aber in totaler Zeitlupe. Normalerweise ist Schuhebinden kein Problem und geht eigentlich auch ganz schnell, umso lustiger ist es zu sehen, wie viele Erwachsene damit Probleme haben und die kuriosesten Knoten entstehen (und ich hab schon viele Schüler und/oder deren Eltern darum gebeten). Viele Erwachsene haben über Jahrzehnte so oft ihre Schuhe gebunden, dass die Handlung als implizites Wissen vorhanden ist, aber wenn sie es langsam machen sollen (und am besten dabei noch erklären wie sie es tun), dann geht es oftmals nicht. Das explizite Wissen ist verloren gegangen. Könnte man zumindest so sagen.
Ist natürlich medizinisch nicht korrekt, aber ich hoffe es bringt Euch auf ein paar Gedanken was das Üben angeht.

Witzigerweise haben viele Schüler nur beim Thema Instrument lernen ein „Verständnisproblem“. Bei Computerspielen ist allen völlig klar, dass man jeden Abend stundenlang zocken muss um bei irgendwelchen Ballerspielen gut zu werden (was natürlich wieder Zeitprobleme beim Gitarre üben mit sich bringt).

Naja, was soll man da noch sagen…


Abschliessend noch ein paar Worte zum Thema Geschwindigkeit beim Gitarrenspiel

Metronom

Jetzt werden wieder einige einen mittelschweren Anfall bekommen. Hilft aber nix, denn es stimmt leider:
Wenn ihr effektiv üben wollt, kommt ihr um ein Metronom nicht rum.
Es ist seit Jahrmillionen der einzige Weg, um richtig vorwärts zu kommen und jeder der Euch etwas anderes erzählt lügt einfach 🙂

Die gleich bleibende Geschwindigkeit ist der Schlüssel zum Erfolg: Ihr spielt immer das gleiche Tempo, bis ihr die Passage, an der ihr gerade sitzt, z.B. 3x fehlerfrei spielen könnt. Dann werdet ihr ein bisschen schneller, am besten 2-3-Schläge pro Minute, höchstens aber 5. Dann heisst es wieder Üben bis ihr wieder 3 Durchgänge spielen könnt usw.
Irgendwann ist dann Schluss, es geht einfach nicht schneller. Dann Feierabend machen und am nächsten Tag wieder anfangen, aber wieder deutlich langsamer. Nach ein paar Tagen werdet ihr merken dass Eure Endgeschwindigkeit höher geworden ist, ihr seid also „bessere Gitarristen/innen“. Geht doch.

Beispiel:
Tag 1: Anfang Tempo 80. Steigerung um 2 Beats. Endtempo 130
Tag 2: Anfang Tempo 80. Steigerung um 2 Beats. Endtempo 140
Tag 3: Anfang Tempo 90. Steigerung um 2 Beats. Endtempo 148
Tag 4: Anfang Tempo 90. Steigerung um 2 Beats. Endtempo 154
Tag 5: Anfang Tempo 100. Steigerung um 2 Beats. Endtempo 160
Tag 6: Saiten wechseln 🙂

Natürlich kann man jetzt einwenden, dass man das gleiche Prinzip ja auch ohne Metronom anwenden könnte. Stimmt, theoretisch schon. Aber leider ist der menschliche Geist offenbar etwas zu beschränkt, um eine solch einfache Aufgabe zu bewältigen: die meisten werden schon von alleine immer schneller, was vielleicht daher rührt, dass man nach einigen Wiederholungen schon einen Fortschritt bemerkt und man unbewusst ans Limit geht, sprich das Tempo steigert, bis man wieder das Gefühl der Anstrengung hat wie zu Beginn. Keine Ahnung…
Zum anderen machen die meisten Schüler beim „schneller-werden-nach-Gefühl“ viel zu grosse Temposprünge. Da wird dann gern mal gleich um 20-30 bpm angezogen, obwohl man selbst denkt: „Ist ja nur ein bisschen schneller“. Von wegen, meistens weit gefehlt.

Übt am besten immer mit Metronom, aber spielt ruhig ohne das Ding, man will ja auch mal seinen Spass haben…

In diesem Sinne
Keep on shredding

Alex

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